Bild: Simon Bierwald / the_daily_u

Fliegende Bilder

Direkt unter der Dachterrasse, auf einer Fläche von 625 m²,  laufen die Videos der Fliegenden Bilder von Adolf Winkelmann. Die Clips sind durch insgesamt 1,7 Millionen lichtstarke LED, die in 6.000 Lamellen integriert wurden, weit und in allen Himmelsrichtungen sichtbar.


Brauchen wir Tauben über den Dächern der Stadt?

Ein Text von Adolf Winkelmann

„In den 1920er und 30er Jahren haben avantgardistische Architekten insbesondere in den USA eine Architekturdisziplin entwickelt, die sie Lichtarchitektur nannten. Diesen Architekten ging es darum, ihren Gebäuden auch in der Nacht eine beeindruckende Gestalt zu verleihen.

Schon Ende des 19. Jahrhunderts hatte es viele Ansätze zur Gebäude-Ilumination gegeben, zunächst mit Gaslicht, dann mit elektrischen Glühlampen-Ketten, die die Umrisse der Gebäude mit Linien aus Lichtpunkten betonten oder mit ganzen Fassaden aus transluzenten Flächen, die von innen hinterleuchtet waren.

In den 1920er Jahren war es endlich möglich, mit Linsen-Scheinwerfern elektrisches Licht zu erzeugen, das gerichtet und gebündelt war. Die Platzierung der Beleuchtung wurde Bestandteil der Architektur-Planung. Das Fassadenmaterial wurde nach seiner Lichtreflexion ausgewählt, man befasste sich mit dem Schattenwurf von Architekturelementen, ganze Bauteile dienten ausschließlich der Unterbringung von Scheinwerfern.

Zur selben Zeit, 1926, entwirft Emil Moog ein Gär- und Lagerhaus für die Union-Brauerei in Dortmund. Ein Industriegebäude, keine Kirche, kein Museum, reine Zweckarchitektur könnte man meinen, wäre da nicht diese eigentümlich gestaltete Beton-Krone rings um das Dach. Eine riesige Betonarkade ragt da vermeintlich zweckfrei in den Himmel. Aber sie war nicht zweckfrei, sie hatte eine Funktion, die allerdings nach dem Krieg weitgehend in Vergessenheit geraten ist.

Die Arkaden sind Kulisse, zur straßenabgewandten Seite hohl, gebaut, um Scheinwerfer aufzunehmen. Vor der Restaurierung konnte man die alten Befestigungspunkte und Stromleitungen noch sehen. Lichtarchitektonisches Konzept war, das Dach aus dem Inneren der Pfeiler zu beleuchten und die Pfeiler selbst als dunklen Rahmen für das Lichtbild zu nutzen.

Ergebnis war eine Lichtskulptur, ein Superzeichen für die Union-Brauerei, das keines Schriftzugs oder Logos mehr bedurfte. Auch wenn der Brauereiturm nicht in New York stand, sondern in Dortmund, war er ein herausragendes Beispiel avantgardistischer Lichtarchitektur der 1920er Jahre.

1968 hat dann der Architekt Ernst Neufert ein 10 Meter hohes, selbstleuchtendes Vierfach-U auf die Spitze gesetzt, Symbol der neuen goldenen Werbewelt, aber auch Anfang vom Ende der Union-Brauerei.

Im Zuge der Restaurierung und der Umwidmung des Gebäudes als Zentrum für Kunst und Kreativität ging es mir darum, dem U-Turm das zurückzugeben, was lange Zeit in Vergessenheit geraten war. Ich habe eine heutige, digitale Variante von Lichtarchitektur für den U-Turm entwickelt und verwirklichen können.

Wir haben da, wo ursprünglich einmal die Scheinwerfer befestigt waren, Steuerschränke mit einer Menge Elektronik eingebaut und in einer durchsichtigen Lamellenkonstruktion 1,7 Millionen LEDs angeordnet. Mithilfe dieser LEDs schreiben wir bewegte Bilder in den Himmel, die sich auf immer wieder neue Weise mit der einzigartigen Architektur des Gebäudes verbinden.

Ich habe das Ganze U-Turm Bilderuhr genannt; sie ist von 6 Uhr morgens bis Mitternacht zu sehen, und jeder Tag hat sein eigenes Bildmotiv: z. B. fliegende Buchstaben, leuchtende Fische, schäumendes Bier, die Menschen auf dem Westenhellweg oder die Kicker bei Heimspielen des BVB. Zur jeder vollen Stunde kommen für zwei Minuten die Tauben. Werktags Brieftauben und Sonntags die weißen. Ganz im Geiste seines Erbauers Emil Moog hat sich der U-Turm so in eine Lichtplastik verwandelt und zur wichtigsten Bildmarke der Stadt entwickelt.“


Die Installationen

Adolf Winkelmanns Filminstallation in drei Stationen hatte ihre Premiere am 28. Mai 2010 im Rahmen der Kulturhauptstadt Ruhr.

U-Turm Bilderuhr

Die U-Turm Bilderuhr ist eine Kunstinstallation an der Dachkrone des Dortmunder U. Sie sendet weithin sichtbare Filmbilder in den Himmel über der Stadt. Der Betrachter schaut wie durch eine Gaze ins Innere des Gebäudes – je nach Wetter, Jahreszeit und Lichteinfall ist die Wirkung mehr oder weniger durchsichtig und somit immer wieder neu.

Am 28. Mai 2010 Start mit 71 Filmen in 56 Gefachen der Dachkrone, 625 qm Bildfläche, 1,7 Millionen LEDs. Die Bilderuhr definiert die Tage, die Stunden und die Jahreszeit. Jeder Tag hat ein eigenes Filmmotiv. Zur vollen Stunde erscheinen die Tauben, werktags Brieftauben, sonn- und feiertags weiße Tauben und ab Sonnenuntergang eine Erinnerung an die Motive der vergangenen Tage.

Die Installation wird vom Künstler ständig bearbeitet, neue Filme entstehen. Das Content-Archiv der U-Turm Bilderuhr umfasst inzwischen (Stand 01.03.2022) 161 einzelne Filme. Darunter befindet sich z. B. der Filmclip „Kicker“, der Fans und die Stadtgesellschaft immer über ein Heimspiel des BVB informiert. Mit dem Kommentar „Ich, der Turm, fand schon damals Nazis voll uncool“ setzt Dortmund ein starkes Zeichen gegen Rechts. Im November 2019 entwickelte der Künstler ein neues Format: täglich zwei Stunden Live-Übertragung auf die U-Turm Bilderuhr aus der Ausstellung der Kunstinstallation „Refugee Boat“ des Weltstars Yoko Ono rund um ein Flüchtlingsboot im Container vor dem Dortmunder U.


Ruhrpanoramen

(früher im Foyer, seit dem 11. November 2021 im Windfang)

34 maschinell geschwenkte Panoramen, aufgenommen in den Jahren 2009 und 2010 auf Straßen, Plätzen und Aussichtspunkten des Ruhrgebiets, und 8 assoziativ montierte Pseudopanoramen präsentiert auf sieben selbstleuchtenden Displays in Reihe, begleitet von einer 8-kanaligen Soundskulptur (komponiert und produziert von Hans Steingen).

Die Ruhrpanoramen sind als Bilderkette konzipiert, die die materielle Welt des Ruhrgebiets der Jahre 2009 und 2010 als Momentaufnahme in größtmöglicher Objektivität dokumentiert. Einzigartig in ihrer Sichtweise zeigt die panoramatische Darstellung der Region, aufgenommen von Roboter-Kameras, das Leben in Wohngebieten, auf Straßenkreuzungen, in Fabriken, an Kanälen, in der Natur.

Der beschleunigte Wandel des Erscheinungsbildes der Stadt und der Region macht diese besondere Dokumentation schon heute zu einem historischen Dokument.


Neun Fenster in der Vertikalen

Am 28. Mai 2010 gestartet mit 28 Filmen. 9 Projektionen á 5,7 qm im Quadratraster über 3 Etagen, 12 Tonkanäle, unsichtbar in die Wand integrierte Flächenlautsprecher, die die Wand zum Klangkörper machen. Die 9 Projektionsflächen fungieren als Bühne für Film-Miniaturen, die in täglich veränderter Abfolge gezeigt werden und das Rolltreppefahren zum Erlebnis machen.

Darsteller: Dietmar Bär, Peter Fitz, Stephan Kampwirth, Peter Lohmeyer, Jürgen Mikol, Caroline Peters, Irene Rindje, Benjamin Sadler, Jürgen Schornagel, Christian Tasche, Margret Völker, Katharina Wackernagel, August Zirner.