„Klare Kante!“ Sektion 4: Ich setze ein Zeichen

Wie ein Begriff, kann auch ein einzelnes Zeichen – z. B. als Icon, Emoji und Symbol – unterschiedliche Bedeutungen besitzen.

In der Sagenwelt steht das Boot als archetypisches Symbol für den Aufbruch in ein neues Leben, in der aktuellen Realität transportiert es zahllose Fluchtschicksale. Der Fährmann Charon verkörpert in der griechischen Mythologie die Person, die die Toten über den Fluss Styx in den Hades – die Unterwelt – befördert. Im nordischen Kulturkreis treffen sich die Helden nach dem Tod in der Walhalla wieder.

Kulturelle Bilder können unser Denken und unsere Sprache bestimmen. Festgefahrene Vorstellungen bedienen sich Zeichen, die zementiert scheinen, ohne dass einem bewusst ist, wie zerbrechlich sie sind.

Eine besondere Bewusstmachung bahnt die Kunst an, die in unterschiedlichen Techniken Zeichen setzt und dadurch klare Kante beweist. Die Druckgrafik der Werkstatt Lucas Cranachs in Wittenberg trug im 16. Jahrhundert wesentlich zu Martin Luthers internationalem Wirken als einer der frühen Influencer der Weltgeschichte bei, indem sie seine Thesen verbreitete. Bis heute bestimmen Cranachs Porträts unsere Vorstellung des Reformators. Jedes Profilbild zeigt aber nur eine Momentaufnahme der jeweiligen Persönlichkeit. Es zeigt lediglich einen Ausschnitt aus einem Leben, das auch von der Selbstdarstellung, des Angriffs, der Verteidigung und der Bedeutung des gemeinsamen Kulturerbes geprägt ist. Wagen wir klare Kante, indem wir in einem Zeichen und einem Bild mehrere Bedeutungen zulassen!

Was macht mich in meinem eigenen Lebensbild aus?

Der Wald hängt als Symbol des Lebens in Sigrid Beutings Installation am seidenen Faden, der sich in Sabine Floras Gewebe in seine Bestand­teile auflöst. Annelie Sonntag spinnt den roten Faden weiter bis zur universellen Grenzerfah­rung, der Roland Hermanns neue Bewegung verleiht.

Ausdrucksträger dieser ist die Straße, deren Abbild Hanne Horn als Stopp­Schild gegen die Umweltzerstörung errichtet. Als Zeichenträger agiert auf diesem die Farbe Rot, mit der Eva-Maria Horstick für den nachhaltigen Umgang mit dem Wasser appelliert. Rot reflek­tiert auch Cornelia Leitners Wand als Spiegel der gesellschaftlichen Spaltung durch die Coronakrise, in der der Mensch nach Alvar Siefert der Einsamkeit huldigt. Er strickt einen Schutzhelm, dessen Uniformität Martina Wichmann durch kleine Variationen ergänzt, die auch Gisbert Danbergs Panzer transportiert. Er ist zugleich Verteidiger des Kulturschutzes und Stellvertreter kriegerischer Zerstörung, wie bei Achim Schmacks. Hierzu zählt auch der Schutz des immateriellen Kulturerbes, wie Marina Abramovićs Totenlieder auf einem Berg Rinderknochen, auf die Ilse Hilpert intertextuel­len Bezug nimmt, und für die Beate Höing einen Pfeiler der Menschlichkeit errichtet. Ausge­drückt wird sie auch durch Andrea Hüsken im Zeichen des Bootes als Hoffnungsträger flüchtender Menschen und durch Farah Nourinejadfarad in ihrer Sehnsucht nach einer glücklichen Ankunft.

Stephanie Sczepanek schließt sich währenddessen im Glashaus ihrer eigenen Geschichte ein. Erst der voyeuristische Blick erschafft das Selbstporträt, das Antonia Gruber in Fragmente zerstückelt und die Eindeutigkeit des Bildes stört. Die Fotografie als zeichenhaftes Abbild historischer Wahrheit konfrontiert Eberhard Vogler mit dem aktuellen Zeitgeschehen des Ukrainekrieges, mit Auf­nahmen des Russlandfeldzuges aus den 1940er Jahren und dem Bunker auf Jersey. Bilder schaffen durch ihre Markenzeichen Assoziatio­nen, wie Marita Windemuth-Osterlohs ,Guanta namo‘ als Synonym für Folter.

Protest­kultur demonstriert auch Natalia Wehler in ihren Szenen der Bewohnerinnen und Bewohner einer japanischen Insel, die seit 30 Jahren gegen den Bau eines Atomkraftwerkes eintre­ten. Brücken zwischen Menschen sind meist aus zerbrechlichem Material, wie Nadia Pereira Benaventes stabil anmutende regelmäßige Reihe aus Porzellan. Dessen Drei­ und Vierecke begegnen uns ständig als Zeichen im täglichen Leben, wie auf Schildern, und bei Angela Schmitz als Fensterrahmen, die Barrikaden errichten, aber auch neue Ausblicke eröffnen.

Text: Dr. Natalie Gutgesell