Manifesta 16 +: Reclaiming the Space of Worship
An Artistic Manifesto
Wie können ungenutzte Kirchengebäude zu Orten der Begegnung, des Austauschs und des gemeinschaftlichen Handelns werden? Mit Reclaiming the Space of Worship – An Artistic Manifesto wird die ehemalige Kirche Heilige Familie in Dortmund-Marten zu einem Raum für künstlerische Auseinandersetzungen mit Erinnerung, Identität und Zugehörigkeit.
Die Künstlerinnen Amdrita, Arina Costea, Concetta Dewús und Cat Jugravu zeigen ortsspezifische Arbeiten, die Perspektiven von Rom*nja und Sinti*zze sichtbar machen. Über Jahrhunderte wurden Angehörige dieser Communities aus Kirchen und damit auch aus einem Gemeindeleben ausgeschlossen, das vielerorts stark durch religiöse Institutionen geprägt war.




Mit Reclaiming the Space of Worship – An Artistic Manifesto nehmen die Künstlerinnen den ehemaligen Kirchenraum ein und definieren ihn neu: als einen Ort kultureller Erinnerung, familiärer Verbindungen, Spiritualität und gesellschaftlichen Zusammenhalts – unabhängig von religiöser Zugehörigkeit, Herkunft oder Geschlecht.
Installationen, Video, Klang, Malerei, Performance und partizipative Elemente greifen persönliche Erfahrungen und kollektive Geschichte auf. Während der Ausstellung sind die Künstlerinnen nacheinander vor Ort. Sie aktivieren ihre Arbeiten, kommen mit Besucher*innen ins Gespräch und laden dazu ein, die Ausstellung mitzugestalten.
Arina Costea: The Sacred Space of the Roma: Our Way
Arina Costea zeigt mit The Sacred Space of the Roma: Our Way einen Animationsfilm und mehrere Installationen. Im Film folgt das Publikum einer Frau, die nach und nach verschiedene Schichten ihrer Kleidung ablegt. Die Kleidungsstücke stehen für Religionen und Glaubensrichtungen, die Rom*nja und Sinti*zze im Laufe der Jahrhunderte angenommen haben.
Dies war einerseits eine Form der Anpassung an die jeweiligen örtlichen Glaubensgemeinschaften, andererseits entstanden durch die Verbindung verschiedener religiöser Traditionen neue Formen des Glaubens und der Spiritualität. Ein Sinnbild dafür ist Sara-la-Kali, die insbesondere von Rom*nja und Sinti*zze als Schutzheilige verehrt wird. In ihrer Verehrung verbinden sich Elemente des christlichen Glaubens mit Traditionen, die Ähnlichkeiten zur hinduistischen Göttin Kali aufweisen.
Die an Altäre erinnernden Installationen greifen mit Feuer, Wasser und Gefäßen Elemente auf, die in zahlreichen Religionen und spirituellen Praktiken eine Bedeutung haben.
Arina Costea lebt in Bukarest.
Amdrita: A Healing Manifesto
In der Apsis am Ende des Kirchenraums ist Amdritas Arbeit A Healing Manifesto zu erleben. Der ehemalige Altar- und Zeremonialraum wird zu einem lebendigen Zentrum, in dem sich spirituelle und installative Praktiken mit botanischer und symbolischer Malerei verbinden.
Im Mittelpunkt steht eine Badewanne, die sowohl skulpturales Element als auch Handlungsraum ist. Darüber befindet sich ein großformatiges Gemälde von Sara-la-Kali, das die Installation visuell und symbolisch rahmt.
Die Arbeit bezieht die vier Naturelemente ein: Wasser ist durch Flüssigkeiten und das Ritualbecken präsent, Feuer durch Kerzen, Erde durch Pflanzen und Blumen. Luft wird über Atmung, Naturgeräusche und atmosphärische Klänge erfahrbar. In Ritualen, Zeremonien und künstlerischen Handlungen verbinden sich diese Elemente zu einem sinnlichen Erfahrungsraum, der an die Beziehung des Menschen zur Natur und an die Möglichkeit von Veränderung und Heilung erinnert.
Amdrita lebt in Dortmund.
Cat Jugravu: School of Women
Die Performancekünstlerin und Theatermacherin Cat Jugravu schafft mit School of Women einen Ort des Lernens und Erinnerns. Besucher*innen können auf historischen Schulbänken Platz nehmen und Audiospuren auf Romanes und Deutsch hören.
Ausgehend von Archivmaterial erzählen die Beiträge von der Leibeigenschaft und Zwangsarbeit, der Rom*nja-Frauen in Südosteuropa über Jahrhunderte unterworfen waren – unter anderem beim Bau von Kirchen und Klöstern. Diese Geschichten sind bislang kaum bekannt und nicht Teil eines allgemeinen Bildungskanons.
School of Women versteht sich daher weniger als Ort der Wiedergutmachung denn als Raum des Erinnerns, Lehrens und gemeinsamen Lernens. Die Arbeit erweitert den historischen Blick auf zwei prägende gesellschaftliche Institutionen: die Kirche und die Schule.
Während ihrer Anwesenheit bestickt Cat Jugravu gemeinsam mit Besucher*innen ein großes Tuch mit den Namen historischer Frauenfiguren, deren Geschichten in den Audiospuren erzählt werden. Das Tuch erinnert zugleich an ein politisches Banner, ein religiös konnotiertes Textil und an die Ikonostase, die Bilderwand in orthodoxen Kirchen.
Cat Jugravu lebt in Berlin.
Concetta Dewús: RAT
Für ihre Arbeit RAT – Romanes für „Blut“ – nimmt Concetta Dewús Symbole des katholischen Glaubens zum Ausgangspunkt. Das Herz Christi steht für die Liebe Gottes, das Blut Christi für Erlösung und ewiges Leben. Beim Abendmahl symbolisiert der Wein das Blut Jesu Christi.
In ihrer Installation und ihren Malereien fragt Concetta Dewús, wofür Blut und das Herz darüber hinaus stehen können. Beide sind allen Menschen gemeinsam – unabhängig von Herkunft, Religion oder gesellschaftlicher Zugehörigkeit.
Die überwiegend für die Ausstellung entstandenen Malereien beziehen sich sowohl auf die Geschichte der Sinti*zze als auch auf spirituelle Elemente unterschiedlicher Glaubensrichtungen. Dabei stehen nicht nur religiöse Unterschiede, sondern vor allem verbindende Erfahrungen und Symbole im Mittelpunkt.
Am letzten Ausstellungswochenende lädt Concetta Dewús Musiker*innen ein, Lieder unterschiedlicher Sinti*zze- und Rom*nja-Communities in der ehemaligen Kirche zu präsentieren.
Concetta Dewús lebt in Darmstadt.
Manifesta 16+
Aus 217 Einreichungen wählte eine internationale Jury 16 Projekte aus. Sie beschäftigen sich mit der Frage, wie leerstehende Kirchengebäude im Ruhrgebiet neu belebt und als Orte der Gemeinschaft aktiviert werden können.
Reclaiming the Space of Worship – An Artistic Manifesto versteht den ehemaligen Sakralraum nicht als Relikt seiner ursprünglichen Nutzung, sondern als offenen und veränderbaren Ort. Persönliche Erfahrungen treffen hier auf kollektive Geschichte, individuelle Stimmen auf gemeinschaftliche Erzählungen. So entsteht ein Raum des Erinnerns, des Verweilens und der aktiven Teilhabe.
Projektpartner
Reclaiming the Space of Worship – An Artistic Manifesto ist ein gemeinsames Projekt von save space e. V., Romano Than e. V. und dem Museum Ostwall im Dortmunder U. Das Projekt wurde im Rahmen des Manifesta 16+ Programms ausgewählt und realisiert.
Informationen
Eröffnung
28. August 2026
Laufzeit
29. August – 27. September 2026
Ort
Heilige Familie, Sadelhof 16, 44379 Dortmund
Öffnungszeiten
Dienstag bis Sonntag, 11–18 Uhr
Beteiligte Künstler*innen
Amdrita (Künstlerische Projektleitung), Arina Costea, Concetta Dewús, Cat Jugravu
Projektleitung Museum Ostwall
Christina Danick
Idee
Amdrita, Roxanna-Lorraine Witt, Christina Danick, Michael Griff und Stefanie Weißhorn-Ponert
Museum Ostwall