Die Dortmunder Union-Brauerei historisches Bild
© LWL-Medienzentrum für Westfalen

100 Jahre U-Turm: Was bleibt ist die Veränderung

Prof. Eckhard Gerber, Architekt des neugestalteten U-Turms
Dortmunder U, Zentrum für Kunst und Kreativität, Bd.2, S. 126

Ein Zeichen mit Bestand

100 Jahre sind in Dortmund mehr als eine Zahl: Sie erzählen von Umbrüchen, von Phasen des Stillstands und von Momenten, in denen neu gedacht werden musste. Der Dortmunder U-Turm bündelt all das in einem einzigen Bauwerk. Kaum ein anderes Gebäude der Stadt hat seine Rolle so häufig gewechselt und ist dennoch ein fester Bezugspunkt geblieben.

Das leuchtende „U“ auf dem Dach gehört seit Jahrzehnten zur Silhouette der Stadt. Es stand zunächst für die Dortmunder Brauereigeschichte, für Produktion und industrielle Stärke. Mit dem Ende dieser Zeit verschwand die Funktion – nicht aber die Präsenz. Der Turm stand leer, wirkte zeitweise wie ein Relikt. Und doch blieb er sichtbar, fast trotzig, als würde er auf seine nächste Aufgabe warten.

Vom Leerstand zum offenen Haus

Treppenhalle im Erdgeschoss
Treppenhalle im Erdgeschoss des „Dortmunder U“ – bis 1994 Betriebsgebäude der Union-Brauerei, Baujahr 1926/1927, Architekt Emil Moog, unter Denkmalschutz. Seit 2010 Kunst- und Medienzentrum, unter anderem Standort des Museums Ostwall. Leonie-Reygers-Terrasse, 2014.
© LWL-Medienzentrum für Westfalen | Schüttemeyer, Greta

Die Idee, aus diesem Ort im Rahmen der Kulturhauptstadt 2010 einen Raum für Kunst zu machen, war kein Selbstläufer. Sie bedeutete, ein Gebäude neu zu denken, das für einen ganz anderen Zweck gebaut worden war. Heute ist daraus ein offenes Haus geworden, in dem sich verschiedene Einrichtungen und Nutzungen begegnen. Museum, Ausstellungsflächen und kulturelle Programme bestimmen den Alltag. Außerdem haben sich hier Akteure angesiedelt, die mit Medien, Forschung und digitalen Formaten arbeiten.

Wer heute durch das Dortmunder U geht, erlebt diesen Wandel ganz konkret. Im Mittelpunkt stehen Kunstwerke des 20. und 21. Jahrhunderts – geprägt von internationalen Kunstschaffenden ebenso wie von Projekten, an denen Jugendliche aktiv mitwirken. Dabei versteht sich das Haus als Ausstellungsort und als lebendiger Produktions- und Begegnungsraum.

Die Stadtgesellschaft wird bewusst mit einbezogen: Sowohl das Museum Ostwall als auch die Ebene für kulturelle Bildung – die uzwei – arbeiten mit Beiräten, die Impulse geben und an der Gestaltung der Ausstellungen mitwirken. So entsteht ein offener Ort für Diskurse und Debatten über gesellschaftsrelevante Themen.


Ein Haus, das weiterdenkt

Museum Ostwall im Dortmunder U
Museum Ostwall im Dortmunder U – Zentrum für Kunst und Kreativität, Museum für die Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts, hier eine der Etagen mit moderner Kunst © LWL-Medienzentrum für Westfalen | Schüttemeyer, Greta

Gerade diese Offenheit macht den besonderen Charakter des U-Turms aus. Er versteht sich nicht als abgeschlossenes Konzept, sondern als lebendiger Ort, der sich fortlaufend weiterentwickelt und neu ausrichtet. Immer wieder entstehen neue Formate und Kooperationen, welche einer sich wandelnden Stadt Rechnung tragen.

Diese Dynamik prägt auch den Alltag im Haus: Programme verändern sich, Räume werden neu gedacht und Inhalte weiterentwickelt. Statt einer starren Dramaturgie entsteht so eine lebendige Vielfalt von Ansätzen und Perspektiven.

Zwischen Ausstellung und Erfahrungsraum

Ein reichhaltiges Ausstellungs- und Veranstaltungsprogramm prägt das Profil des Hauses und wird kontinuierlich weiterentwickelt. Im Mittelpunkt stehen dabei Kunst und gesellschaftsrelevante Themen, die aus vielfältigen Perspektiven und in unterschiedlichen Formaten erfahrbar werden.

Zugleich bleibt der Turm ein physischer Raum, der Begegnungen unterschiedlichster Art ermöglicht: Schulklassen treffen auf Kunstpublikum oder Studierende auf internationale Gäste. Aus dem Zusammenspiel entstehen neue Impulse, die den U-Turm zu einem lebendigen Anziehungspunkt machen.

Mit Blick nach vorn wird sich diese Rolle eher verstärken. Die Grenzen zwischen Ausstellung, Forschung und Vermittlung werden weiter verschwimmen. Das Dortmunder U versteht sich dabei als Ort, an dem neue Formate entwickelt und erprobt werden. Es ist damit weniger ein fertiges Kulturhaus als ein Ort, an dem Kultur entsteht.

Für Dortmund hat das Gewicht. Die Stadt hat den Übergang von der Industrie- zur Wissens- und Kulturgesellschaft aktiv gestaltet. Der U-Turm ist ein sichtbares Zeichen dafür, wie dieser Wandel aussehen kann. Er zeigt, dass bestehende Strukturen nicht aufgegeben werden müssen, um Neues zu ermöglichen.

Beständigkeit im Wandel

Die Dortmunder Union-Brauerei historisches Bild
Die Dortmunder Union-Brauerei, undatierte Abbildung mit Firmenschriftzug (vermutlich Werbeplakat) © LWL-Medienzentrum für Westfalen

Der Turm bleibt relevant, weil er sich verändert. Er bleibt erkennbar, auch wenn sich seine Inhalte verschieben. In diesem Spannungsfeld liegt seine besondere Bedeutung für die Stadtidentität.t.

Dabei wirkt er fast wie ein Kommentar zur eigenen Geschichte. Was früher als Zweckbau begann, hat heute eine Offenheit erreicht, die ursprünglich nicht vorgesehen war. Und vielleicht liegt genau darin seine Zukunft: nicht in einer endgültigen Bestimmung, sondern in der Fähigkeit, sich immer wieder neu auszurichten.

100 Jahre nach seiner Entstehung ist der Dortmunder U-Turm deshalb kein abgeschlossenes Kapitel. Er ist Teil einer fortlaufenden Entwicklung. Seine Geschichte reicht vom Bier zur Kunst und inzwischen weit darüber hinaus. Was als nächstes kommt, ist nicht festgelegt. Genau das macht ihn zu einer Landmarke, die auch in Zukunft eine Rolle spielen wird.