Turmgeschoß während der Ausstellung
Turmgeschoß / Jan-Peter E.R. Sonntag, U-Topos N-spiral, 1998 (Credit: Reservate der Sehnsucht, hARTware projekte (heute Hartware MedienKunstVerein) 1998, Fotos: Sascha Dressler, Jürgen Kosmalla, Christoph Irrgang)

Leerstand, Abrissdebatten und kulturpolitische Entscheidungen

Karl Ganser (1937-2022) Stadtplaner und früherer Geschäftsführer der Internationalen Bauausstellung (IBA) Emscher Park
https://www.wipage.de/detail/news/strukturwandel-ist-ein-andauernder-prozess

Der Strukturwandel greift tief in die ökonomische und kulturelle Substanz der Stadt ein. Mit dem Ende der Brauproduktion am Standort der Dortmunder Union-Brauerei im Jahr 1994 kulminiert diese Entwicklung: Der U-Turm steht plötzlich leer.

Ein Wahrzeichen ohne Funktion 

Die Dortmunder Union-Brauerei 1993
Die Dortmunder Union-Brauerei 1993 (Foto: Mahlstedt, Olaf © LWL-Medienzentrum für Westfalen)

Industriebauten sind meist sehr stark auf ihre ursprüngliche Nutzung zugeschnitten. Räume, Höhen und technische Anlagen folgen genau dem Produktionsprozess, für den sie gebaut wurden. Wenn dieser Prozess verschwindet, wird eine Umnutzung schwierig.

Der U-Turm bleibt deshalb lange Zeit ohne klare Verwendung. Obwohl seine äußere Gestalt weiterhin prägend für das Stadtbild ist, fehlt ihm eine Rolle im täglichen Leben der Stadt. Die Architektur befindet sich gewissermaßen in einem Zwischenzustand: Sie ist noch vollständig vorhanden, aber ihre ursprüngliche Bedeutung ist verloren gegangen.

Abriss oder Aufbruch? 

Der Turm, einst als Gär- und Lagerhochhaus errichtet, wird zum Monument des Stillstands. Seine Dimensionen sind nun ein Problem: zu groß, zu teuer, zu speziell für eine einfache Nachnutzung. Über Jahre hinweg bleibt das Gebäude sich selbst überlassen. Fenster zerbrechen, die Fassade altert, und das ikonische U verliert an Strahlkraft. Auch das umliegende Viertel gerät in eine Abwärtsspirale. Wirtschaftliche Unsicherheit und ein Mangel an Perspektiven prägen das Bild.

In vielen europäischen Industriestädten tritt in dieser Zeit ein ähnliches Problem auf. Große Fabrikkomplexe stehen leer und stellen Städte vor die Frage, ob man sie abreißen oder neu nutzen sollte. Gerade im Ruhrgebiet entwickelt sich daraus eine Diskussion über den Umgang mit Industriekultur und über den Wert historischer Industriebauten als Teil des kulturellen Erbes.

Leerstehende Union-Brauerei in der 90er Jahren
Leerstehende Union-Brauerei in der 90er Jahren (Foto: Mahlstedt, Olaf © LWL-Medienzentrum für Westfalen)

In dieser Phase wird der U-Turm zum Gegenstand intensiver Debatten. Stimmen aus Politik, Stadtplanung und Architektur diskutieren offen über Abriss oder Erhalt. Der Turm wird zur Projektionsfläche für grundsätzliche Fragen: Was tun mit den Hinterlassenschaften der Industriegesellschaft? Wie viel Vergangenheit verträgt die Zukunft? Die Auseinandersetzung ist dabei mehr als eine bauliche Entscheidung, sie ist Ausdruck eines städtischen Selbstverständigungsprozesses.

Tatsächlich gibt es in dieser Zeit ernsthafte Überlegungen, die Brauereifläche für den Bau eines großen Einkaufszentrums zu nutzen. Doch zunehmend melden sich auch kritische Stimmen, die den U-Turm erhalten möchten.  

Kunst kommt zunächst illegal

Parallel dazu beginnt eine Entwicklung, die zunächst kaum sichtbar, aber entscheidend ist: Der U-Turm wird zu einer beliebten Party-Location, Künstlerinnen und Künstler entdecken das leerstehende Gebäude für sich. Noch bevor offizielle Konzepte existieren, wird er informell als Experimentierraum genutzt. Die Kunst besetzt den U-Turm und eröffnet Perspektiven jenseits der klassischen Stadtplanung.

Ein frühes Signal mit großer kultureller Strahlkraft setzt 1998 die Ausstellung „Reservate der Sehnsucht“ des Hartware MedienKunstVerein. Sie macht das Gebäude erstmals wieder öffentlich zugänglich und zeigt, welches Potenzial in der Industriearchitektur steckt. Der Turm wird nicht mehr nur als Problem wahrgenommen, sondern als Möglichkeitsraum und als Ort für neue urbane Narrative.

Von der Industriebrache zur Zukunftswerkstatt

Diese Impulse fallen in eine Zeit, in der die Stadt beginnt, strategischer über ihre Zukunft nachzudenken. Kultur wird zunehmend als Motor des Strukturwandels verstanden. Die politischen Entscheidungsprozesse zur Nachnutzung des Geländes nehmen Fahrt auf: Aus der Industriebrache soll eine Zukunftswerkstatt werden, ein Zentrum für Kreativität und Medien.

Ein entscheidender Schritt erfolgt 2007, als die Stadt Dortmund das Gelände erwirbt. Damit geht die Kontrolle über die Zukunft des U-Turms endgültig in die öffentliche Hand über. Der lange Zustand der Ungewissheit weicht einer neuen Phase der Planung und Gestaltung.

Das Dortmunder U steht in diesem Moment an der Schwelle: Noch ist es ein Denkmal ohne klaren Zweck, aber längst kein verlorener Ort mehr. Zwischen Verfall und Vision verdichtet sich hier eine zentrale Erfahrung des Ruhrgebiets: Der Abschied von der Industrie ist nicht nur ein Ende, er ist auch der Beginn einer Suche nach neuen Bedeutungen.

  • https://www1.wdr.de/fernsehen/geheimnisvolle-orte/sendungen/geheimnis-dortmunder-u-106.html unter https://www.youtube.com/watch?v=IYBZ_k-C2as
  • Jaeger, Falk: Dortmunder U – die Architektur
  • https://www.efre.nrw/erleben/projekte-entdecken/dortmunder-u
  • Matzner, Florian; Schneede, Uwe M. (Hg.) (2010): Das Dortmunder U. Architektur und Kunst. München: Hirmer Verlag, S. 18-21
  • Fehl, Gerhard (2001): Stadtentwicklung im Ruhrgebiet. Dortmund. S. 112-115
  • Borsdorf, Ulrich; Grütter, Heinrich Theodor (Hg.) (2010): Industriekultur im Ruhrgebiet. Essen: Klartext Verlag. S. 142-145
  • Hartware MedienKunstVerein (1998): Reservate der Sehnsucht. Ausstellungskatalog. Dortmund. S. 5-7
  • Dewey, Marc (2012): Kreativquartiere im Ruhrgebiet: Das Dortmunder U. In: Raumforschung und Raumordnung, 70(5), S. 378–381.
  • Stadt Dortmund (2010): Dortmunder U – Zentrum für Kunst und Kreativität. Dortmund. S. 12-15
  • Philipp Oswalt: Leerstädte, in: Arch+ 153/154, 2000, S. 62