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Industriewunder der 1920er – Aufstieg der Union-Brauerei

Karl-Peter Ellerbrock, Wirtschaftshistoriker
WDR-Doku: https://www.youtube.com/watch?v=IYBZ_k-C2as Min. 9:00

Aufstieg der Union-Brauerei

Castrop-Rauxel, Wittener Straße: Bierkutsche der Privatbrauerei "Dortmunder Kronen", eine der ältesten Brauereien in Westfalen, 1972.
Castrop-Rauxel, Wittener Straße: Bierkutsche der Privatbrauerei „Dortmunder Kronen“, eine der ältesten Brauereien in Westfalen, 1972. © LWL-Medienzentrum für Westfalen | Orwat, Helmut
Die Dortmunder Union-Brauerei historisches Bild
Die Dortmunder Union-Brauerei, undatierte Abbildung mit Firmenschriftzug (vermutlich Werbeplakat) © LWL-Medienzentrum für Westfalen

Dortmund in den 1920er-Jahren: eine Stadt im industriellen Aufbruch und mit großen Ambitionen. Kohle, Stahl und Bier treiben das Wachstum voran, die Bevölkerungszahl steigt und das Selbstverständnis wandelt sich. Dortmund will mehr sein als eine große Industriestadt: Man will zu einer Metropole werden.

Auch planerisch wird diese Entwicklung vorangetrieben. Mit Paul Hirsch kommt ein erfahrener Reformpolitiker nach Dortmund, der zuvor maßgeblich an der Bildung von Groß-Berlin beteiligt war. Als jüdischer Bürgermeister bringt er seine Erfahrungen ein, um die Idee eines „Groß-Dortmunds“ voranzutreiben, eine städtebauliche Neuordnung, welche die Stadt auf dem Weg zur Metropole stärken soll.

Die Dortmunder Union-Brauerei steht exemplarisch für diesen Anspruch. 1929 nähert man sich einem Ausstoß von einer Million Hektolitern Bier jährlich und gilt zeitweise als größte Brauerei im Westen Deutschlands. Bier wird zum Exportprodukt und zum Symbol urbaner Leistungsfähigkeit.

Mitten in dieser Dynamik entsteht 1926/27 an der Rheinischen Straße der U-Turm. Errichtet als Gär-, Kühl- und Lagerhochhaus, ist er funktionaler Industriebau und zugleich Ausdruck eines neuen städtischen Selbstbewusstseins. Er ist das erste Hochhaus Dortmunds und signalisiert sichtbar: Diese Stadt denkt in neuen Maßstäben. Das Hochhaus am Südbahnhof, das Westfalenhaus und weitere folgen. Ende der 20er Jahre gilt Dortmund als die Stadt der Turmhäuser, wie sie damals noch genannt werden.

Brauen im Hochhausformat

Dortmunder Union-Brauerei: Blick in die Küferei © LWL-Medienzentrum für Westfalen
Dortmunder Union-Brauerei: Blick in die Küferei © LWL-Medienzentrum für Westfalen
Dortmunder Union-Brauerei, Halle mit Setzbottich
Dortmunder Union-Brauerei, Halle mit Setzbottich © LWL-Medienzentrum für Westfalen

Mit dem Entwurf des knapp 75 Meter hohen Turms folgt der Architekt Emil Moog einer radikalen Idee: Die Produktion wird vertikal organisiert. Die einzelnen Schritte des Brauprozesses liegen übereinander, verbunden durch ein System, das die Schwerkraft nutzt. Rohstoffe und Flüssigkeiten bewegen sich von oben nach unten durch das Gebäude, kontrolliert und ohne unnötige Transportwege.

Die innere Struktur ist präzise aufgeteilt: Über älteren Kellern und einem offenen Hofgeschoss liegen drei Stockwerke mit Lagerkellern. Darüber folgt ein Geschoss mit 77 offenen, verfliesten Gärbecken, in denen unter anderem Dortmunder Export vergoren wird. In den oberen Etagen befinden sich Räume für Würze- und Bierlagerung sowie Kühlanlagen. Den Abschluss bildet eine 21,5 Meter hohe Deckhaube mit vier Kühlschiffen, belüftet über fest installierte Jalousien. Ein zentraler Aufzug verbindet die Ebenen.

Diese Bauweise ist revolutionär, nicht nur technisch, sondern auch organisatorisch. Der Turm bündelt Prozesse, verdichtet die Produktion und setzt neue Maßstäbe für die industrielle Brauerei. Er gilt als größter deutscher Industriebau seiner Zeit und wird in Dortmund als Zeichen industriellen Fortschritts gefeiert.

Gebaut für Masse, nicht für Menschen

Das Brauhaus der Dortmunder Union-Brauerei, Holzmodell © LWL-Medienzentrum für Westfalen
Das Brauhaus der Dortmunder Union-Brauerei, Holzmodell © LWL-Medienzentrum für Westfalen

Auffällig ist die massive Bauweise des Turms, die sich auch aus konkreten baulichen Zwängen ergibt. Das Gebäude muss in ein bereits dicht bebautes Areal eingefügt werden. Der zur Verfügung stehende vieleckige Grundriss ist im wahrsten Sinne des Wortes schräg, eine Herausforderung für jede statische Berechnung.

Bislang hat Emil Moog noch kein Gebäude dieser Art errichtet und kann auch kaum auf Erfahrungswerte in der Hochhausarchitektur zurückgreifen, da diese in Deutschland noch in den Kinderschuhen steckt. Darum entscheidet er sich für eine besonders robuste Konstruktion. Das Gebäude basiert auf einem Stahlbetonskelett, das zur Bauzeit als fortschrittlich gilt. Diese Bauweise ermöglicht große Raumhöhen und eine flexible Nutzung der Innenräume.

Die Konstruktion des Turms mit ungewöhnlich dicken Stahlbetonwänden sowie einem tragenden Gerüst aus rund 40 Betonpfeilern bildet bis heute das statische Rückgrat des Gebäudes und macht seine spätere Umnutzung überhaupt erst möglich. Bemerkenswert ist auch die Baugeschwindigkeit: Zwischen dem ersten Spatenstich und der Inbetriebnahme liegen nur etwa 14 Monate – ein für die 1920er-Jahre außergewöhnlich kurzer Zeitraum.

Im Inneren bleibt der Turm strikt zweckgebunden. Tanks, Rohrleitungen, Kühlmaschinen und Lagerräume bestimmen das Bild. Im Erdgeschoss werden die Produkte verteilt und verladen. Besucher sind nicht vorgesehen, der Bau dient ausschließlich der industriellen Produktion.

Architektonisch zeigt der Turm eine reduzierte Formensprache, wie sie typisch ist für die Übergangszeit zwischen Tradition und Moderne. Proportion, Gliederung und Rhythmus der Fenster geben dem Streben nach Klarheit und Ordnung Ausdruck. Die Backsteinfassade verleiht ihm eine kraftvolle Wirkung, auf ornamentale Details wird weitestgehend verzichtet. Nicht zuletzt sorgt die imposante Dachkrone mit dem Kolonnaden-Aufbau für eine monumentale Ausstrahlung.

Faszination Großstadt: Technik als Versprechen

Dortmunder Union-Brauerei, Werksbahnhof: Abfertigung von Dampflok-gezogenen Brauerei-Güterzügen
Dortmunder Union-Brauerei, Werksbahnhof: Abfertigung von Dampflok-gezogenen Brauerei-Güterzügen © LWL-Medienzentrum für Westfalen | Uhlmann-Bixterheide, Wilhelm

Der U-Turm ist mehr als ein Industriebau. Er steht für die Strahlkraft der Großstadt und eine Massengesellschaft, wie sie die 1920er-Jahre prägt: eine Zeit, in der sich das Leben verdichtet und spürbar an Tempo gewinnt. In der Produktion werden Prozesse neu geordnet und auf Effizienz ausgerichtet. Die Architektur folgt dieser Entwicklung und wird zu einem Mittel, um diese wirksam zu machen.

Für Dortmund bedeutet das den Schritt von der gewachsenen Industriestadt hin zur bewusst gestalteten Metropole. Hochhäuser, moderne Infrastruktur und Technik werden Teil eines neuen urbanen Selbstbildes. Der U-Turm verkörpert genau diesen Übergang. Er zeigt, dass Industrie nicht mehr nur im Hintergrund arbeitet, sondern selbstbewusst sichtbar wird.

Die Nähe zum Hauptbahnhof und zum Hafen trägt zum Erfolg der Union-Brauerei bei. Sie verkauft ihr Bier in ganz Deutschland, in Europa und bis nach Amerika.
Die Nachfrage steigt stetig und kann nur durch die moderne Massenproduktion gedeckt werden.

Landmarke und Stadtsymbol

Nächtlicher Körnerplatz mit beleuchtetem Gebäude der Dortmunder Union-Brauerei © LWL-Medienzentrum für Westfalen
Nächtlicher Körnerplatz mit beleuchtetem Gebäude der Dortmunder Union-Brauerei © LWL-Medienzentrum für Westfalen

Mit seiner Höhe und klaren Formensprache prägt der Turm früh das Stadtbild. An der Rheinischen Straße, bislang ein innerstädtisches Mischgebiet für Wohnen, Gewerbe und Verkehr, setzt er ein bewusstes Zeichen: Industrie ist keine Randerscheinung mehr, sondern Teil der urbanen Identität.

Auch nachts ist der Turm präsent: Eine beleuchtete Dachkonstruktion mit 67 Scheinwerfern und einem rotierendem Großstrahler lässt ihn wie einen Leuchtturm über den Dächern der Stadt erscheinen. Diese Lichtinszenierung unterstreicht den Anspruch der Bauherren, nicht nur funktional, sondern auch sichtbar modern zu sein.

Mit der Industrialisierung verändert sich Dortmunds Silhouette: Kirchen weichen zunehmend Industrie- und Zweckbauten. Fördertürme, Schornsteine und Verwaltungsgebäude prägen nun die Vertikalität der Stadt. Der Dortmunder U-Turm verkörpert diesen Wandel: Anders als sakrale Türme steht er für Produktion, Fortschritt und wirtschaftliche Kraft. So macht er den Übergang von einer kirchlich geprägten zu einer industriell geformten Identität offenkundig.