© Stadtarchiv Dortmund

Nationalsozialismus, Krieg und Zerstörung

Karl-Peter Ellerbrock, Westfälisches Wirtschaftsarchiv
WDR-Doku: https://www.youtube.com/watch?v=IYBZ_k-C2as Min. 21:31

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Mit dem Ende der 1920er-Jahre bricht die wirtschaftliche Dynamik abrupt ab. Die Weltwirtschaftskrise trifft auch Dortmund: Arbeitslosigkeit, soziale Spannungen und eine damit einhergehende politische Radikalisierung nehmen zu. In diesem Umfeld gelingt den Nationalsozialisten 1933 die Machtübernahme. 

Straßen und Plätze werden umbenannt, Zeitungen auf NS-Linie gebracht und Parteien verboten. Viele Kommunalpolitiker geraten ins Visier des Regimes, auch Gewerkschafter und andere Oppositionelle werden inhaftiert oder ermordet. Das jüdische Leben, das zuvor die kulturelle und wirtschaftliche Entwicklung der Stadt stark geprägt hat, wird systematisch zerstört: Synagogen brennen, Geschäfte werden „arisiert“, und am Ende steht die Deportation. Mehr als 2.000 Dortmunder Jüdinnen und Juden kommen in Konzentrationslagern ums Leben. 

Auch die Industrie wird ideologisch angepasst. Betriebe geraten unter politische Kontrolle, so auch die Union-Brauerei. Eine Schlüsselrolle spielt dabei Bruno Schüler, ein überzeugter Nationalsozialist und Mitglied von NSDAP und SA. Er wird 1933 Direktor der Brauerei und steigt später zum Staatskommissar, kommissarischen Oberbürgermeister und Kulturdezernenten auf. Damit steht er beispielhaft für die enge Verflechtung von ideologischer Loyalität und beruflichem Aufstieg im NS-System.


Kulturpolitik und Propaganda

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Mit der Zerschlagung demokratischer Strukturen wandelt sich auch das kulturelle Leben grundlegend. 1935 zeigt Dortmund – zwei Jahre vor München – die Ausstellung „Entartete Kunst“ im „Haus der Kunst“ am Königswall. Sie markiert den Beginn einer systematisch gelenkten Kulturpolitik. Moderne Kunst wird diffamiert und durch ideologisch konforme Werke ersetzt. Die Kultur wird so zum Werkzeug der Propaganda und zur Formung des öffentlichen Bewusstseins.

Industrie im Dienst der Kriegswirtschaft

Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs verändert sich die Rolle der Brauerei grundlegend. Die Industrie insgesamt wird schrittweise auf die Bedürfnisse der Kriegswirtschaft ausgerichtet. Die Produktion in der Union-Brauerei läuft zunächst weiter, Bier wird unter anderem für die Versorgung von Soldaten gebraut. Doch je länger der Krieg dauert, desto knapper werden die Rohstoffe, und die zivile Produktion wird eingeschränkt.

Wie in vielen Betrieben wird auch hier der Arbeitskräftemangel durch den Einsatz von Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern kompensiert. Sie übernehmen Aufgaben, die aufgrund von Einberufungen an die Front nicht mehr ausreichend besetzt werden können. 

Unterirdische Stadt: Luftschutz für Zehntausende

Parallel zur Kriegswirtschaft entsteht eines der größten Luftschutzsysteme Europas unter dem Areal des U-Turms. Die NS-Führung rechnet früh mit Bombenangriffen auf das Ruhrgebiet. Geplant werden darum rund acht Kilometer unterirdische Gänge und Bunkeranlagen. Bis Kriegsende entstehen etwa 4,2 Kilometer. Zehntausende Menschen sollen dort Schutz finden. Den Bau leisten Zwangsarbeiter, die während der Angriffe selbst keinen Zutritt haben. Bestehende Keller- und Tunnelanlagen der Brauerei werden ausgebaut und verbunden, sodass unter dem U-Turm ein weitverzweigtes Schutzsystem entsteht.

Bombenkrieg und Zerstörung der Stadt

Ab 1943 erreicht der Luftkrieg das Ruhrgebiet mit voller Wucht. Dortmund wird Ziel schwerer alliierter Bombardierungen. Große Teile der Innenstadt werden zerstört, Industrieanlagen beschädigt, ganze Straßenzüge ausgelöscht. Das Stadtbild verändert sich radikal. Aus der dicht bebauten Industriemetropole wird eine Trümmerlandschaft.

Auch die Wasserversorgung wird zum Problem. Nach der Zerstörung der Möhnetalsperre im Mai 1943 (Operation „Chastise“) verschärfen sich die Bedingungen zusätzlich. Löschwasser fehlt, Brände breiten sich schneller aus und richten größere Schäden an. Während dieser Zeit verliert der U-Turm seinen repräsentativen Charakter und wird Teil der Kriegsinfrastruktur. Die im Gebäude befindlichen Wassertanks spielen eine wichtige Rolle bei Löscharbeiten nach den Bombenangriffen.

Dortmund ist so schwer getroffen, dass 1945 diskutiert wird, die Stadt an einem anderen Ort komplett neu aufzubauen. Dieser Gedanke wird letztlich verworfen, weil Kanalisation und Leitungen erstaunlich gut erhalten geblieben sind.

Ein Turm bleibt stehen

Inmitten dieser Zerstörung übersteht der U-Turm den Krieg nahezu unbeschadet. Während große Teile Dortmunds in Trümmern liegen, ragt er weiterhin aus der zerstörten Stadt heraus.

Dass das Gebäude den Bombenangriffen standhält, ist kein Zufall, sondern eine Folge seiner Bauweise. Die massiv ausgelegte Konstruktion mit dicken Stahlbetonwänden, zahlreichen Verstrebungen und einer aufwendigen Statik erweist sich im Bombenkrieg als widerstandsfähig. Was ursprünglich aus baulichen Notwendigkeiten heraus entstanden war, ist nun ein entscheidender Vorteil. So wird der U-Turm zu einem der wenigen verbliebenen Orientierungspunkte im zerstörten Dortmund.

Zwischen Funktion und Symbol

Während des Krieges bleibt der U-Turm Teil der industriellen Infrastruktur. Doch mit seinem Überdauern erhält er eine neue Bedeutung: Er steht fortan für Dortmunds industrielle Geschichte und ihre Widerstandskraft im Angesicht der Zerstörung. 1945, als große Teile der Stadt in Trümmern liegen, prägt der Turm weiterhin die Silhouette. So wird er zu einem frühen Symbol des späteren Wiederaufbaus.