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Bier, Macht und Stadtidentität

Günter Samtlebe (1926–2011), Oberbürgermeister der Stadt 
Dortmund (1973–1999)

https://www.nordstadtblogger.de/zum-100-geburtstag-von-alt-oberbuergermeister-guenter-samtlebe-ein-mann-dortmunder-praegung/

Dortmunder Union-Brauerei, Gärfässer © LWL-Medienzentrum für Westfalen
Dortmunder Union-Brauerei, Gärfässer © LWL-Medienzentrum für Westfalen

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist Bier in Dortmund mehr als ein Konsumgut – es ist Teil des Wir-Gefühls. Die großen Brauereien der Stadt, allen voran die Dortmunder Union-Brauerei, prägen über Jahrzehnte das Bild nach innen wie nach außen. Ihre Marken stehen für industrielle Leistungsfähigkeit, für Exportstärke und für ein Selbstverständnis, das eng mit Arbeit und Wohlstand verbunden ist.

Der Standort rund um den U-Turm profitiert davon unmittelbar. Neue Technik und größere Kapazitäten führen zu einem deutlichen Produktionsanstieg.

In den Wirtschaftswunderjahren ist der Arbeitsalltag in den großen Dortmunder Brauereien familiär geprägt, die Loyalität zum eigenen Arbeitgeber entsprechend stark. Wer hier eine Anstellung erhält, hat das große Los gezogen: Ein Job in der Brauereiwirtschaft gilt als wahrer Glücksfall. Nicht nur wegen der sicheren Perspektive, sondern auch wegen des täglichen Freitrunks von 2,5 Litern Bier.


Bierhauptstadt Europas

Abfüllanlage
@ Stadtarchiv Dortmund

Mit dem Wirtschaftswunder wächst auch die Bedeutung standardisierter wiedererkennbarer Produkte. Das „Dortmunder Export“ entwickelt sich zu einem der bekanntesten Biertypen Deutschlands und wird gezielt überregional vermarktet. 1956 erreicht die Union-Brauerei über eine Million Hektoliter Jahresausstoß. In den Jahren des Wiederaufbaus steigt Dortmund zur Bierhauptstadt Europas auf. Nur Milwaukee in den USA produziert mehr. Union, DAB, Hansa und Kronen prägen das Stadtbild, die Brauereien exportieren ihr Bier in alle Welt. 

In den 1960er-Jahren produzieren die großen Dortmunder Brauereien gemeinsam rund vier Millionen Hektoliter jährlich und beliefern Märkte in den Niederlanden, Belgien, Nordfrankreich und Übersee. 

Bier als Alltagskultur und soziale Ordnung

Das Bier ist in dieser Zeit nicht nur Wirtschaftsgut, sondern Teil der Alltagskultur einer Arbeiterstadt. Nach der Schicht in Kohle- und Stahlbetrieben dient es als Feierabendritual, getrunken aus großen Rundgläsern, oft in Kneipen, die von Stammtischen und Vereinsleben geprägt sind. Dabei hängt die Markenwahl stark vom jeweiligen Wohnviertel ab. Denn die Gaststätten sind exklusiv an eine Biermarke gebunden, zumeist die der nächstgelegenen Brauerei. Aber auch religiöse Unterschiede lassen sich an der Biermarke ablesen: Katholiken greifen zu Thier, Protestanten halten Kronen die Treue. Das Bier wird zum Erkennungszeichen. Als dritte Säule neben Kohle als schwarzem Gold und Stahl als grauem Gold ist Bier das flüssige Gold einer Stadt, die sich durch Produktion definiert.