Kulturhauptstadt und Transformation
„Kultur ist der Motor des Wandels im Ruhrgebiet.“
Jürgen Rüttgers (CDU), Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen 2005 bis 2010, zur RUHR.2010
https://de.slideshare.net/slideshow/kulturhauptstadt-2010/6077062
Im Januar 2008 wird das Dortmunder U als Leuchtturmprojekt bewusst neu gedacht: nicht mehr als Relikt der Industriegeschichte, sondern als Ort für Kultur, Bildung und kreative Zukunft. „Wandel durch Kultur – Kultur durch Wandel“ ist das prägende Motto der RUHR.2010, Kulturhauptstadt Europas.
Das Motto ist weit mehr als ein Slogan, es ist ein strategischer Ansatz, der Kultur nutzt, um den Strukturwandel einer ganzen Region voranzutreiben. Ehemalige Industrieanlagen werden zu Orten der Kreativwirtschaft.
Mit dem Umbau des Dortmunder U im Vorfeld der RUHR.2010 setzt Dortmund auf ein kulturpolitisches Experiment mit offenem Ausgang. Denn die Umnutzung ist alles andere als eine sichere Wette. Das Projekt soll mit Mitteln aus der EU, dem Land Nordrhein-Westfalen und der Stadt Dortmund finanziert werden.

(Foto: Sagurna, Stephan © LWL-Medienzentrum für Westfalen)
Im Verlauf der Planungen kommt es jedoch zu deutlichen Kostensteigerungen. Aus der anfänglichen Kalkulation entwickelt sich im Laufe der Jahre ein deutlich höheres Kostenvolumen, das den ursprünglichen Rahmen schließlich nahezu verdoppelt. Aus den veranschlagten 46 werden 91 Millionen Euro.
Auch der Baufortschritt verläuft nicht wie vorgesehen: Zum Zeitpunkt der Eröffnung im Mai 2010 ist das Gebäude noch nicht vollständig fertiggestellt. Nur ein Teil des Komplexes kann bereits genutzt werden, da während der Sanierung des historischen Industriegebäudes unerwartete bauliche Herausforderungen insbesondere im Bereich von Dach und Keller auftreten.
Umbau durch Gerber Architekten

(Foto: Steinweg, Christoph © LWL-Medienzentrum für Westfalen)
Doch der Plan geht auf. Die Entscheidung für die Umnutzung markiert den Aufbruch in eine neue städtische Erzählung. Industriegeschichte wird nicht verdrängt, sondern in eine zeitgemäße Nutzung überführt. Das Dortmunder Architekturbüro Gerber Architekten entwickelt den Umbau zu einem Haus für Kunst und Kreativität, das die robuste Struktur des Turms bewahrt und zugleich für neue Funktionen öffnet. So entsteht ein Gebäude, das Vergangenheit und Gegenwart produktiv miteinander verbindet.
Weiterbau am Bestand
Architektonisch folgt die Transformation einem Prinzip, das in der zeitgenössischen Architektur häufig angewendet wird: der Weiterbau am Bestand. Das historische Erscheinungsbild bleibt sichtbar und bildet den Rahmen für neue räumliche Strukturen. Das ursprüngliche Stahlbetonskelett und die Backsteinfassade werden weitgehend erhalten, während im Inneren neue Räume und Erschließungen entstehen.
Dabei geht es vor allen Dingen auch um eine neue räumliche Erfahrung. Während der Turm früher eine abgeschlossene Produktionsanlage war, soll er nun ein öffentlich zugänglicher Ort werden. Neue Treppen und Ausstellungsbereiche verbinden die Ebenen miteinander und machen das Gebäude für die Besucher*innen erlebbar.
Diese Art des Umbaus spiegelt eine architektonische Haltung wider, die seit dem späten 20. Jahrhundert zunehmend an Bedeutung gewonnen hat: Statt alte Gebäude zu ersetzen, werden diese als Träger von Geschichte und Identität verstanden. Die industrielle Vergangenheit bleibt sichtbar.
Verbindung von Innen- und Außenraum
Gerber Architekten durchbrechen beim Umbau des U-Turms gezielt bauliche Barrieren, um ein markantes, offenes Treppenhaus zu schaffen. Dieses zentrale Element verbindet die Etagen durch ungewöhnlich beleuchtete Rolltreppen und vertikale, von Adolf Winkelmann bespielte Projektionsflächen, die das Publikum auf seiner Fahrt durch das Gebäude begleiten. Der Turm greift mit auskragenden, innen rot gestalteten Formen in die Umgebung. So entsteht eine neue Verbindung zwischen Innen- und Außenraum.

Das Treppenhaus öffnet sich im Erdgeschoss zum Stadtraum hin. Es dient somit als „Tor zum U-Viertel“ und schafft durchlässige Blickbezüge zur Dortmunder Innenstadt. Damit unterstreicht die Architektur den Strukturwandel vom industriellen Gärturm hin zu einem kreativen, städtebaulich integrierten Kulturzentrum, das die Nordstadt einbindet. Begleitend entsteht eine große Freitreppe am Ostrand, die Fußgänger direkt zum Dortmunder U führt, indem sie den Höhenunterschied des Geländes nutzt.
Die fliegenden Bilder von Adolf Winkelmann
Besonders prägend ist dabei die Dachinstallation von Adolf Winkelmann: Die fliegenden Bilder machen das U weit über Dortmund hinaus als mediale Landmarke bekannt und verleihen ihm eine neue, unverwechselbare Präsenz im Stadtraum. Die umlaufende Medienfassade, die wie ein horizontales Band in den U-Turm eingefügt ist, fällt sofort ins Auge. In rund 50 Metern Höhe werden auf einer Fläche von 625 m² Videoinstallationen gezeigt. Diese sogenannte Bilderuhr besteht aus etwa 1,7 Millionen hellen LEDs, die in rund 6.000 leicht geneigte Lamellen eingebaut sind.
Passanten können hier täglich wechselnde künstlerische Filmsequenzen sehen. Sobald eine Sequenz endet, werden die leicht durchsichtigen Lamellen kurz transparent – und geben für einen Moment den Blick auf die Konstruktion der Dachkrone dahinter frei.
Die U-Turm-Bilderuhr ist von sechs Uhr morgens bis Mitternacht zu sehen. Dabei wechseln sich die Motive im Laufe des Tages ab, etwa fliegende Buchstaben, leuchtende Fische oder schäumendes Bier. Bei Heimspielen des BVB erscheinen Tischfußball-Kicker auf den LEDs – natürlich in Schwarz-Gelb. Zu jeder vollen Stunde kommen für zwei Minuten die Tauben, sonntags die weißen und werktags die Brieftauben.
Auch aus seiner demokratischen Grundüberzeugung macht der U-Turm keinen Hehl. „ICH DER TURM FAND SCHON DAMALS NAZIS VOLL UNCOOL“, lässt Adolf Winkelmann als klare Botschaft von der Turmkrone leuchten.

Die Fassade spielt also in der Verbindung von digitaler Kultur und urbanem Raum eine Schlüsselrolle. Sie ist ein öffentliches Display, ein Fenster zur Stadt, das Bilder, Animationen und künstlerische Statements in den städtischen Raum sendet. In dieser Konsequenz ist das weltweit nahezu einzigartig: ein ehemaliger Industriebau, der seine Außenhaut als künstlerisches Medium nutzt.
Motor der Stadtentwicklung
Mit der Eröffnung 2010 wird das Dortmunder U zu einem lebendigen Zentrum für Kunst und Kreativität. Museum Ostwall, uzwei, Fachhochschule Dortmund mit storyLab kiU, Campus Stadt der TU Dortmund, HMKV Hartware MedienKunstVerein und ecce ziehen ein und machen aus dem ehemaligen Brauereiturm einen Ort der Begegnung und des Austauschs.
Die Wirkung reicht jedoch über das Gebäude hinaus. Im Umfeld des U-Turms gewinnt auch das Union-Viertel spürbar an Dynamik. Rund um das Wahrzeichen entwickelt sich ein Quartier, das für kreative Nutzungen, Ateliers, kulturelle Initiativen und neue urbane Energie steht. Das historische Areal ist heute Heimat einer der größten Schulen Deutschlands und bildet eine städtebauliche Brücke zur Innenstadt. Damit ist das Dortmunder U nicht nur ein umgebautes Gebäude, sondern ein Motor der Stadtentwicklung. Und ein Beispiel dafür, wie aus industrieller Substanz durch kluge Transformation ein kultureller Anker entsteht.
Die Architektur des Turms ist daher weniger als ein statisches Objekt zu verstehen, sondern vielmehr als ein Zeitdokument, in dem sich unterschiedliche historische Schichten überlagern. Gerade diese Verbindung von industrieller Vergangenheit und neuer kultureller Nutzung macht das Gebäude zu einem bedeutenden Bestandteil der städtischen Identität.
- https://www.gerberarchitekten.de/projekt/u-turm-zentrum-fuer-kunst-und-kreativitaet/
- https://www.architekturzeitung.com/architektur/137-architekturprojekte/2042-grossprojekt-am-dortmunder-u-von-gerber-architekten
- https://www.baunetzwissen.de/bauen-im-bestand/objekte/kulturbauten/dortmunder-u—zentrum-fuer-kunst-und-kreativitaet-2267523
- https://www.baunetz-architekten.de/gerber-architekten/31471/projekt/7169492
- https://www.nordstadtblogger.de/serie-stadt-bauten-ruhr-3-umbaukultur-die-transformation-des-dortmunder-u/
- https://de.wikipedia.org/wiki/Dortmunder_U
