Eine ehemalige Kirche wird zum Ort für Kunst, Erinnerung und neue Gemeinschaft
Für die Ausstellung im Programm der Manifesta 16+ kooperieren Romano Than e.V., save space e.V. und Museum Ostwall
Vier Künstlerinnen verwandeln die ehemalige Kirche Heilige Familie in Dortmund-Marten in einen Raum für Kunst, Erinnerung und Dialog. „Reclaiming the Space of Worship“ macht verdrängte Geschichten sichtbar und lädt zum Mitmachen ein.
Rotes Licht, ein Herzschlag wummert am ehemaligen Taufbecken. Überall Bilder, kräftige Farbtöne, Pflanzen und Naturgeräusche, historische Schulbänke und die Stimme einer Künstlerin aus dem Off: In der ehemaligen Kirche Heilige Familie in Dortmund-Marten hat sich die Atmosphäre verändert. Zwischen neugotischen Backsteinwänden begegnen Besucher*innen nun Malerei, Skulptur, Video, Sound und Installation. Die Ausstellung „Reclaiming the Space of Worship – An Artistic Manifesto“ ist bis zum 27. September 2026 zu sehen. Sie ist eine Kooperation von Romano Than e.V., save space e.V. und dem Museum Ostwall im Dortmunder U und Teil des Programms Manifesta 16+.
In der Apsis entsteht mit Amdrita Jakupis „A Healing Manifesto“ ein stiller, von Pflanzen und Naturgeräuschen geprägter Ort. Concetta Dewús setzt mit roten Bildern, Frauenporträts, einer Herzskulptur und dem Klang eines Herzschlags starke körperliche Akzente. An historischen Schulbänken können Besucher*innen den Audiostücken von Cat Jugravu lauschen. Eine KI-animierte Videoarbeit der Bukarester Künstlerin Arina Costea zeigt eine Frau, die durch unterschiedliche Landschaften und Städte geht und dabei immer wieder ihre religiös geprägte Kleidung wechselt.

Foto: Daniel Sadrowski
Vier Künstlerinnen nehmen sich damit einen Raum, der erst im Juni 2026 als Kirche entwidmet wurde. Ihre Arbeiten erzählen von Geschichte und Verfolgung, Identität und Anpassung, Heilung und Gemeinschaft. Zugleich fragen sie, wie ein ehemaliger Sakralraum heute aussehen und wie er zum Ort des Austauschs werden kann.
„Es geht erstmal um ein Einnehmen“
Der Ausstellungstitel erklärt direkt einen zentralen Gedanken des Projekts: „Reclaiming“ bedeute eigentlich, etwas wieder einzunehmen, was einem einmal gehört habe. Für Christina Danick, Kuratorin und Projektleiterin vom Museum Ostwall, greift das hier zu kurz: „Eigentlich geht es ja überhaupt erstmal um ein Einnehmen und Aneignen von etwas, das einem nie richtig gehört hat.“ Denn die Beziehung zwischen Kirche und Rom*nja und Sinti*zze ist historisch auch von Ausgrenzung und Verfolgung geprägt. Während der NS-Zeit wurden Kirchenbücher teilweise genutzt, um Rom*nja zu erfassen und zu verfolgen.
Die Ausstellung macht diese Geschichte sichtbar und setzt künstlerische Arbeiten entgegen. „Die künstlerischen Positionen nehmen verschiedene Perspektiven ein“, erklärt Danick. Cat Jugravu richtet den Blick zurück auf 500 Jahre Sklaverei in den Fürstentümern der Walachei im heutigen Rumänien. Ihre Arbeit „School of Women“ beschäftigt sich insbesondere mit der Zwangsarbeit von Roma-Frauen und der Rolle der orthodoxen Kirche.
Vier Positionen: Zwischen Heilung und Erinnerung
Cat Jugravu hat für ihre Arbeit in Klosterarchiven recherchiert. Dort fand sie Aufzeichnungen, in denen versklavte Menschen neben Tieren und Gegenständen als Besitz registriert wurden. Ihre Audiostücke sind an historischen Schulbänken zu hören. „Mich interessiert, wie ihre Körper, ihre Arbeit, ihre Hände und ihre Körperlichkeit verhandelt, bewertet und in Materialwert übersetzt wurden“, sagt die Künstlerin. Christina Danick beschreibt diese Arbeit als Versuch, Wissen sichtbar zu machen, das lange außerhalb des öffentlichen Bewusstseins lag. Jugravu selbst versteht sie als Anfang: „Für mich muss ein Ort der Anbetung auch ein Ort der Bildung und der Auseinandersetzung mit dieser Geschichte sein.“
Amdrita Jakupi setzt einen anderen Schwerpunkt. In „A Healing Manifesto“ verbindet sie botanische Malerei, Pflanzen und Naturgeräusche. Die Apsis wird zum Ort des Innehaltens. Besucher*innen können sich niederlassen, zur Ruhe kommen und an Ritualen und Zeremonien teilnehmen. Dabei verweist die Arbeit auch auf eine ambivalente Geschichte: Der Wald war für Rom*nja und Sinti*zze in Zeiten der Verfolgung Zufluchtsort. Natur erscheint deshalb nicht nur als beruhigendes Motiv, sondern ist historisch und politisch aufgeladen.
Concetta Dewús greift in „RAT“ mit Herz und Blut zentrale Symbole christlicher Bildsprache auf. Rot zieht sich durch ihre Arbeiten, eine Herzskulptur befindet sich am Taufbecken, dazu erklingt ein Herzschlag. Aus dem religiösen Symbol wird eine universelle Verbindung: Blut haben alle Menschen gemeinsam.
Arina Costea erzählt in ihrer KI-animierten Videoarbeit von religiöser und kultureller Anpassung. Ihre Protagonistin bewegt sich durch unterschiedliche Umgebungen und verändert dabei immer wieder ihre Kleidung. Christlich-orthodoxe, muslimische, hinduistische und andere religiöse Bezüge werden sichtbar. So entsteht ein Bild von Identität, die sich wandelt und dennoch fortbesteht.

Foto: Daniel Sadrowski
Das Museum geht in den Stadtteil
Für Regina Selter, Leiterin des Museum Ostwall und des Dortmunder U, ist die Ausstellung Teil eines größeren Öffnungsprozesses. Die Sammlung des Museums sei bislang stark westlich und europäisch geprägt. Seit einigen Jahren erweitert das Museum seine Perspektive und nimmt verstärkt Positionen in den Blick, die bislang nicht in den Museumssammlungen sind. „Eine vielstimmige, multiperspektivische Betrachtung von Kunst, die Sichtbarmachung weiblicher/queerer Identitäten und damit einhergehend auch eine Öffnung zur Stadtgesellschaft sind uns als Museum ein zentrales Anliegen. So ist die Zusammenarbeit mit verschiedenen Selbstorganisationen, wie Romano Than und save space, ein wichtiger Schritt für eine selbstverständliche Einbindung der vielfältigen Stadtgesellschaft in Dortmund“, so Regina Selter.
Gleichzeitig verlässt das Museum seine eigenen Räume. Die Ausstellung soll Bewohner*innen in Marten erreichen und neue Zugänge zu Kunst und Kultur schaffen. Christina Danick sieht darin ebenfalls eine wichtige Aufgabe. In Dortmund und im Ruhrgebiet leben große Rom*nja- und Sintizze-Communities, die das kulturelle Leben der Region prägen. Gleichzeitig seien sie im öffentlichen Bewusstsein noch immer wenig sichtbar und von Vorurteilen und Diskriminierung betroffen. Gerade deshalb sei es wichtig, „die Position, auch gerade von vier weiblichen Künstlerinnen, hier sichtbar zu machen“.

Foto: Daniel Sadrowski
„Ich liebe Dortmund für die Arbeit, die die Stadt für die Roma-Community leistet“
Für Cat Jugravu ist Dortmund dabei ein besonderer Ort: „Ich liebe Dortmund für die Arbeit, die die Stadt für die Roma-Community leistet.“ Sie empfinde Dortmund als eine Stadt, die „im Zentrum einer Bewegung“ stehe – auch wenn es weiterhin Raum für Verbesserungen gebe. Die Ausstellung in der ehemaligen Kirche erlebt sie deshalb als Chance: „Es ist eine großartige Möglichkeit, diesen Ort – diesen Raum der Ausstellung – zu besetzen, für uns in Anspruch zu nehmen und ihn als einen Raum zu nutzen, der vorübergehend unserer Geschichte und unserer Kultur gehört.“
Die Ausstellung ist nicht statisch angelegt. Die Künstlerinnen sind jeweils eine Woche vor Ort, arbeiten an ihren Projekten weiter und stehen für Gespräche zur Verfügung. Besucher*innen können bei Jugravu Namen von Frauen aus historischen Archiven neu aufschreiben und so selbst Teil der Arbeit werden. „Ich möchte, dass sie zu Mitwirkenden und Mitgestalter*innen der Arbeit werden“, sagt Jugravu, „ich hoffe, dass die Arbeit einen kollektiven Prozess anstößt.“
Das Begleitprogramm setzt auf Beteiligung und Begegnung: Amdrita Jakupi lädt am 4. September zu einer künstlerischen Zeremonie ein. Beim Nachbarschaftsabend mit Mitbring-Dinner am 10. September geht es um Austausch und gemeinsames Essen. Am 26. September klingt die Ausstellung mit einem Konzert mit traditionellen Liedern der Sinti*zze aus.
Autorin:
Stadt Dortmund
Fachbereich Marketing + Kommunikation
Silke Hempel – Pressestelle