EFIE. The Museum as Home.

10.12.2021 – 06.03.2022
im Dortmunder U

Diese Ausstellung historischer und zeitgenössischer Kunst aus Ghana erweitert das traditionelle Verständnis von „Museum“, hinterfragte althergebrachte Präsentationsformen und bietet neue Perspektiven – auf die Kunst, aber auch auf die Realität, der sie entstammen.

Die Ausstellung wurde von der Kunsthistorikerin, Autorin und Filmemacherin Nana Oforiatta Ayim konzipiert. Ayim ist die Kuratorin des gefeierten ghanaischen Pavillons auf der Biennale in Venedig 2019 sowie Gründerin und Direktorin des ANO Institute of Arts & Knowledge. 2021 erschien ihr erster Roman „Wir Gotteskinder“. Sie ist Vorstandsmitglied der Vereinigung der Museen und Kulturerbestätten Ghanas. Ayim ist in Deutschland geboren und lebt heute in Ghana.

Mit Arbeiten von Afroscope, El Anatsui, Diego Araúja, Rita Mawuena Benissan, Kwasi Darko, Kuukua Eshun, Na Chainkua Reindorf und Studio Nyali

Europas Blick auf die Welt

Die so genannten enzyklopädischen Museen europäischer Machart mit ihren trans- und multikulturellen Sammlungen basieren auf mehreren Behauptungen. Eine davon ist, dass die Kulturgüter dort objektiv und wertneutral präsentiert würden. Tatsächlich konservierten die Museen eine subjektive, meist nationale, in jedem Fall rein europäische Perspektive auf die Welt – aber mit universellem Anspruch.

Das typische Museum – ein repräsentativer Bau, thematische Galerien und klimatisierte Vitrinen – wurde über zwei Jahrhunderte standardisiert und in alle Welt exportiert. Der dabei offensichtlich hierarchische Blick – je nachdem woher Werke stammten – wurde bis vor wenigen Jahren kaum in Frage gestellt. Er führte aber unter anderem dazu, dass „Kunstmuseen“ lange nur europäische oder US-amerikanische Künstler*innen zeigten, während Kunst aus dem Rest der Welt meist in ethnologischen Sammlungen landete. Dies galt auch für die Kunst aus dem Gebiet des heutigen Ghana und den 53 anderen Ländern des afrikanischen Kontinents. Deutschland herrschte bis 1914 über die Kolonie Togoland, die den östlichen Teil des heutigen Ghanas umfasste. Damals sind von dort viele Kunstgegenstände direkt oder indirekt in den Besitz deutscher Sammlungen gelangt. Die Geschichten der Kunstgegenstände, ihre Herkunft, ihre Präsentation in Europa und die daraus folgende Wahrnehmung sind Zeitmaschinen, die aus der Vergangenheit bis heute unsere Gegenwart beeinflussen. Der Blick auf und die Geschichten über sie müssen angepasst werden – von allen Beteiligten.

Raum für die Kunst, Kunst für den Raum

Die Arbeiten von Afroscope und Kwasi Darko arbeiten mit Bewegtbild und virtuellen Darstellungsformen und sind direkt in die Fufuzelas integriert. Ebenso wie Diego Araúja, der mit traditioneller ghanaischer Architektur und Musik arbeitet, beschäftigen sie sich mit der Frage, welche Narrative in einem Museum vermittelt werden. Sie dekonstruieren die scheinbar unverrückbaren Erzählungen von Evolution, Religion und kapitalistischem Wachstumszwang.

Die Arbeiten von Kuukua Eshun, Na Chainkua Reindorf und Rita Mawuena Benisson gehen einer ähnlichen Frage nach: Was wäre, wenn wir uns das Museum als Teil von uns, und nicht als fremdes Objekt oder unpersönlichen Raum vorstellten, sondern als Verkörperung unserer pluralistischen Identitäten, die sich aus all den kulturellen Prägungen der Vergangenheit und Gegenwart zusammensetzen? Dabei setzen sich insbesondere Reindorf und Benissan in der Bezugnahme auf traditionelle Textil- und Handwerkskunst, wie den Asafo-Flaggen (Kriegergesellschaften in Ghana), mit Geschlechterrollen und dem Verhältnis von Tradition und aktuellen Lebensrealitäten auseinander.

Studio Nyali fragt schließlich, was geschähe, wenn wir die Museen als Zuhause, als Heimstatt der Objekte konzipieren würden. Als einen Schutzraum also, der sie auch vor kolonialer Zerstörung bewahrt hätte bzw. bewahren würde. Wie würden wir sie dort zeigen und uns um sie kümmern?

Neben den zeitgenössischen Werken der genannten Künstler*innen werden in der Ausstellung auch historische Artefakte zu sehen sein, die von Gemeinschaften aus dem Gebiet des heutigen Ghana stammen und sich in den Sammlungen deutscher Museen befinden, darunter: dem Übersee-Museum in Bremen, dem MARKK in Hamburg und dem Rautenstrauch-Joest-Museum in Köln. Zusammen mit den zeitgenössischen Kunstwerken soll die Ausstellung für diese Objekte der Versuch eines Genesungsorts werden, an dem sie sich von ihrer Vereinsamung erholen, die durch das Herausreißen aus ihrem ursprünglichen Kontext entstand. Filmprojektionen schaffen eine Vorstellung davon, wie ähnliche Objekte in Ghana traditionell gehütet und gebraucht werden. 

Die besondere Präsentation der Werke ist deshalb einerseits Ausdruck der Rezeptionsgeschichte afrikanischer Kunst in Europa und des Willens die Werke enger mit ihrer Herkunft und Umgebung zu verknüpfen. Die Ausstellung zeigt so andererseits wie nötig der völlig neue Blick ist, den Europa auf die Kunst des afrikanischen Kontinents werfen sollte.


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